Sipplingen am Bodensee

Sipplingen - Leben am See

Sipplingen am Bodensee - textliche Abhandlung

Um 233 n.Chr. durchbrachen die Alemannen den römischen Grenzwall und drangen in die römischen Provinzen Galien und Rätien ein. Bei einem weiteren Angriff im Jahre 258 n.Chr. drangen sie weiter gegen den Bodenseeraum vor.

Unter Kaiser Gratian fand 378 n.Chr. der letzte römische Feldzug im Hegau statt; die siegreichen Römer wurden bald darauf in den Balkan beordert, worauf die Alemannen kampflos vom Bodensee Besitz ergriffen.

Eine feste Ansiedlung der Alemannen in Dörfern erfolgte vermutlich erst ab dem 5. Jahrhundert.

In Sipplingen gab es aber schon wesentlich früher eine steinzeitliche Siedlung; die Pfahlbaustationen vor Sipplingen zählen nach Ansicht der Archäologen zu den wertvollsten und ergiebigsten Fundplätzen aus der Pfahlbauzeit im gesamten Bodenseeraum (insgesamt sind etwa 70 Siedlungsplätze am deutschen und 24 Siedlungsplätze am schweizerischen Bodenseeufer bekannt).

Im Rahmen der Tauchuntersuchungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg wurde trotz verschiedentlicher Beschädigungen durch Baggerarbeiten im Bereich der Hafenanlage Ost vor Sipplingen noch eine Siedlungsfläche von über 10.000 qm mit vollkommen erhaltenen Kulturschichten festgestellt.

Eichenhölzer aus der Pfahlbaustation Sipplingen konnten durch das archäodentrologische Labor des Landesdenkmalamts in Hemmenhofen genau datiert werden. Dabei wurde ermittelt, daß die Bäume, die als Baumaterial Verwendung fanden, 3840 v.Chr. geschlagen worden waren. Dies stellt vorläufig die älteste dentrocronologische Schlagphase dar, die wir im Bodenseeraum kennen.

Die Pfahlbaudörfer vor Sipplingen werden in die Zeit 3840 bis 1800 v.Chr., also dem Ende der Jungsteinzeit datiert.

Das Pfahlbaudorf Sipplingen wurde im Winter 1864/65 entdeckt. Die erste Erforschung und Ausgrabung einer Pfahlbausiedlung nach der Methode der Kastengrabung mitten im Wasser nahm Hans Reinerth im Frühjahr 1929 und im Frühjahr 1930 vor Sipplingen vor.

Der Ausgrabungskasten lag 90 m vom Ufer entfernt (etwa in Höhe des Pfarrhauses) und umfaßte eine Fläche von 500 qm. Zahlreiche Funde der damaligen Ausgrabung sind in dem von Prof. H. Reinerth gegründeten Freilichtmuseum, den Pfahlbauten in Unteruhldingen, zu sehen. Eine umfangreiche Sammlung von Fundgegenständen aus der Pfahlbaustation Sipplingen ist auch im Haus des Gastes in Sipplingen (ehemaliger Bahnhof) ausgestellt.

Das Dorf Sipplingen dürfte etwa in der Zeit des 6. - 8. Jh. n. Chr. entstanden sein. Die Kirchenpatrone der katholischen Pfarrkirche, St. Martin und St. Georg, deuten auf eine auf Königsgut im 8 Jh. n. Chr. entstandenen Eigenkirche einer königlich-fränkischen Grundherrschaft hin.

Dabei könnte es sich um die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Königspfalz Bodman handeln. Bodman, das bereits im frühen 6. Jh. als alemannische Siedlung erwähnt wird, ist vom 8. - 10. Jh. Pfalz der karolingischen Könige und Kaiser und zugleich Verwaltungsmittelpunkt des gleichnamigen Krongutes.

Für die Entstehung des Dorfes Sipplingen im Zeitraum zwischen dem 6. und 8. Jh. spricht auch die Endung "-ingen" des Ortsnamens, was auf den Personenverband zwischen Dorfherr und Siedlung, also die sippenrechtliche Bindung zwischen Familienoberhaupt und Dorf hinweist.

Von Sipplingen, das als Grenzgemeinde des Hegaus am Überlinger See liegt, berichtet erstmals eine Urkunde des 12. Jahrhunderts Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) legte in dieser Urkunde die Grenzen des Bistums Konstanz fest; hier wird mit der "Ecclesia in Sipelingen" der Kirche zu Sipplingen, auch zum ersten Mal das Dorf urkundlich genannt.

Auch wenn in dieser Urkunde nur die Kirche als Herrschaftsgut des Bischofs erwähnt wird, muß doch auch das Dorf vorausgesetzt werden. Denn die Kirche ist ohne das Dorf nicht denkbar.

Sipplingen war ein Teil der Landgrafschaft Nellenburg. Als Inhaber dieser Grafschaft übten bis 1422 die Grafen von Nellenburg - eine hochadelige Familie, die mit den Staufern, Saliern, Zähringern und Zollern verwandt war - und nach deren Aussterben die Herren von Tengen in Sipplingen die hohe Gerichtbarkeit aus. Wegen Verarmung mußte Graf Hans von Tengen die Landgrafschaft Nellenburg im Jahre 1465 verkaufen.

Nellenburg gelangte in den Besitz Erzherzogs Siegmund von Österreich, dem damit die hohe Gerichtsbarkeit in der Landgrafschaft und folglich auch in Sipplingen zustand. Diese Rechte übte das in Stockach bestehende Oberamt aus.

Neben der hohen Gerichtsbarkeit, die sich mit Verbrechen und schweren Vergehen, die Leibstrafen nach sich ziehen (wie etwa Mord, Raub, Kirchenschändung, Gotteslästerung, Landfriedensbruch und schwere Beleidigung) befaßten, stand die niedere Gerichtsbarkeit den Grundherren zu.

Die niedrige Gerichtsbarkeit befaßte sich mit der Bestrafung kleinerer vergehen, wie etwa Diebstählen und Vergehen gegen die Weiderechte, nachbarliche Grenzstreitigkeiten, Fluchen, Spielen usw.. Die niedere Gerichtsbarkeit war verbunden mit dem Kelnhof als grundherrlichem Hof, der zugleich als Abgabe-, Gerichts- und Versammlungsort diente.

Die Herren von Hohenfels

Von großer Bedeutung für Sipplingen waren die Herren von Hohenfels, die erstmals im Jahre 1148 erwähnt werden und die Burg Hohenfels, nordwestlich des Dorfes Sipplingen - unterhalb des Haldenhofes - bewohnten.

Bei den Herren von Hohenfels handelte es sich vermutlich um Ministerialen des Bischofs von Konstanz. Sie verfügten über umfangreichen Grundbesitz und besaßen zugleich als Lehen des Bischofs von Konstanz unter anderem den Ort Sipplingen.

Die Herren von Hohenfels übten damit zugleich auch die Niedergerichtsbarkeit über Sipplingen aus. Der aus heutiger Sicht bekannteste Vertreter des Geschlechts derer von Hohenfels ist Burkhard der Minnesänger, der im Jahre 1191 in einer Urkunde erwähnt wird.

18 Lieder sind von Burkhard von Hohenfels, der als der älteste bekannte Minnesänger des Bodenseegebiets und zugleich als Zeitgenosse des Walther von der Vogelweide bezeichnet wird, in der "mannesseschen Handschrift" überliefert.

An Burkhard von Hohenfels erinnert die im Höhengasthof Haldenhof eingerichtete Minnesängerstube. Beim Haldenhof steht auch die mehrere hundert Jahre alte "Burkhardslinde", unter der nach der Volkssage der Minnesänger seine Lieder gedichtet und gesungen haben soll.

Um 1300 verkauften die Herren von Hohenfels zunächst ihr Bistumslehen und wenige Jahre später auch ihren Sipplinger Eigenbesitz an das Spital Konstanz, das ab diesem Zeitpunkt die Rolle des Sipplinger Orts- und Niedergerichtsherren übernahm. 1386 ging die Niedergerichtsbarkeit in Sipplingen endgültig und vollständig auf das Spital Konstanz über.

1577 verkaufte das Spital Konstanz für 6500 Gulden die Niedergerichtsbarkeitsrechte am Ort Sipplingen an Erzherzog Ferdinand von Österreich, wodurch die hohe Gerichtsbarkeit und die niedere Gerichtsbarkeit erstmals in der Landgrafschaft Nellenburg vereint wurden.

Am 14. Dezember 1582 verlieh Erzherzog Ferdinand von Österreich der Gemeinde ein eigenes Wappen. Dies ist sicher ungewöhnlich für die damalige Zeit, bekamen doch bis ins 19. Jahrhundert hinein fast ausschließlich Städte ein eigenes Wappen verliehen.

Vielleicht wollte Österreich die Zugehörigkeit Sipplingens zu seinem Einflußbereich mit der Wahl des Habsburgischen Löwen als Wappentier unterstreichen. Zweifellos weisen der Weinstock und das Rebmesser in den Pranken des Löwen auf den bedeutenden Weinbau im Sipplingen der damaligen Zeit hin.

In der Verkaufsurkunde des Jahres 1577 werden 138 Untertanen in Sipplingen erwähnt. Offensichtlich waren die Sipplinger Weinberge begehrt, denn in der von Erzherzog Ferdinand von Österreich am 17. Januar 1579 erlassenen "Dorfoffnung" - einer Zusammenstellung des in Sipplingen geltenden rechts - ist festgelegt, daß kein Sipplinger Bürger sein Gut oder Haus an einen Auswärtigen verkaufen darf, um eine Überfremdung des Dorfes zu verhindern. In der Dorfoffnung heißt es, es seien schon viele Güter in Sipplingen im Eigentum Fremder, wodurch es den Sipplingern an Wohnraum fehle und die Gemeinde Schaden leide.

Tatsächlich hatten bereits im Jahre 1609 13 Klöster, 3 Pfarreien, 3 Pflegschaften und Heiligenpflegschaften und 9 sonstige kirchliche Einrichtungen Grundbesitz in Sipplingen. Lediglich ein Drittel der Wirtschaftsfläche war im Besitz von Sipplinger Bauern.

Sipplinger Wein

Der Weinbau in Sipplingen wird erstmals in Urkunden des 13. Jahrhunderts erwähnt. Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelte sich die Gemeinde zu einem bedeutenden Weinbauort. Im 18. Jahrhundert wurden knapp 200 Hektar als Weinberge in Sipplingen angepflanzt und bewirtschaftet, wobei vor allem die Grundstücke der Sipplinger Weinbauern enorm klein waren (im Durchschnitt 700 qm je Grundstück). Der Weinbau erbrachte jedoch den etwa sechsfachen Ertrag gegenüber dem normalen Ackerland, weshalb die Bevölkerungsdichte in Sipplingen schon zur damaligen Zeit etwa zwei- bis dreimal so hoch war wie in anderen Hegauorten.

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden etwa 50 Hektar Rebfläche bewirtschaftet. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts sank die Weinbaufläche in Sipplingen rapide ab. Durch den Ausbau der Eisenbahnlinien verbilligte und beschleunigte sich der Weintransport erheblich, und gerade die einfachen Konsumweine, wie sie in Sipplingen erzeugt wurden, sanken drastisch im Preis. Daher wurden 1929 nur noch 33 Hektar, 1933 1,2 Hektar und 1959 gar nur noch 0,1 Hektar Rebfläche angebaut.

Schon früher setzte sich neben dem Weinbau in Sipplingen immer mehr der Obstbau durch; vor allem die rund 6000 Kirschbäume haben Sipplingen zu dem bekannten Ruf als Kirschbaugemeinde verholfen.

Sipplingen heute

Im Preßburger Frieden von 1805 wurde die Landgrafschaft Nellenburg und damit auch die Gemeinde Sipplingen dem neu ernannten Königreich Württemberg zugeschlagen. Aber bereits 1810 trat König Friedrich I. von Württemberg diese Gebiete wieder an das Großherzogtum Baden ab.

Wegen seiner besonderen topographischen Lage am nördlichen Steilufer des Überlinger Sees jegliche befahrbare Straßenverbindung zu den Nachbargemeinden Überlingen und Ludwigshafen (damals noch Sernatingen genannt) hat Sipplingen über >Jahrhunderte hinweg in Abgeschiedenheit ein gewisses Eigenleben entwickelt. Erst durch den Bau der Uferstraße in den Jahren 1845/47 und den danach folgenden Bahnbau der Bodenseegürtelbahn in den Jahren 1895/97 trat Sipplingen allmählich aus seiner Isolation heraus.

Durch den Rückgang des Einbaus und den tiefgreifenden Strukturwandel in der Landwirtschaft zu Beginn dieses Jahrhunderts verändert sich die Gemeinde zu einer Wohngemeinde. Die Landwirtschaft wird nur noch im Nebenerwerb betrieben.

Nach Ende des II. Weltkrieges setzte auch verstärkt der Fremdenverkehr ein. Bedingt durch die landwirtschaftlich reizvolle Lage mit einer engen Verbindung zwischen Bergen, Wald und Wasser ist die Zahl der Fremdenübernachtungen auf mehr als 55.000 im Jahr angestiegen.

Nach der Anlegung von Wanderwegen und weiteren Verbesserungen der Fremdenverkehrsinfrastruktur erhielt Sipplingen 1979 das Prädikat "staatlich anerkannter Erholungsort" vom Regierungspräsidium Tübingen verliehen.

Sipplingen zählt heute etwa 2150 Einwohner auf einer Gemarkungsfläche von 427 Hektar. Die Gemeinde erstreckt sich etwa 4,6 Kilometer in West-Ost-Richtung entlang dem Bodenseeufer und nur 1 Kilometer vom Bodensee nach Norden. Aus dieser Tiefe von nur 1 Kilometer steigt die Gemeinde von ca. 400 m (Bodenseeufer) bis auf etwa 700 m über NN (Sipplinger Berg) an.